So ein Leben aber auch. Man ist sich so fremd, man ist sich so nah...Die Briefe von Dir, die ich alle in einer Mappe abgeheftet hatte, und die ich manchmal gerne herauskramen möchte, sind 2006 bei einem Feuer in meiner Wohnung verbrannt.
Nachdem ich einigermaßen lustlos, mehr aus langeweile deinen Namen im Netzwerk in das Feld "suche" eingegeben hatte, war ich sehr überrascht. Ich wisperte deinen Namen, schickte dir eine "Freundschaftsanfrage". Du hast sie angenommen.
Ich spüre vergangenen Zeiten in mir nach und ahne wie du heute lebst. Manchmal sehe ich ein Foto lange an dass du gerade ins Netzwerk gestellt hast, klicke den "gefällt mir" Knopf.
Das hätte ich mir nicht träumen lassen.
Ich
hatte auf der suche nach einer Brieffreundin eine Anzeige
geschaltet, im kleinen Tierfreund. Mein Glück, dass du diese Zeitung auch bei
dir in Österreich gelesen hast. Der Text durch den wir uns gefunden
haben war: "Alle die mich kennen mögen mich nicht. Dazu kann ich nur
sagen: es gibt noch millionen von Menschen die mich nicht kennen". Ich
war 12. Damals habe ich gelitten und die Welt, mich und die Menschen nicht verstanden. Meine erste ernsthafte Freundin warst tatsächlich Du. Auch wenn ich dich noch nie gesehen habe.
Es gibt sogar heute noch Menschen die sich an dich erinnern. Die mich nach dir fragen, und wissen wollen wie es dir ergeht.
Meine erste, leibhaftige und anfassbare Freundin K. beispielsweise. Meine Mama hat neulich auch nach dir gefragt. Weil ich früher so oft von dir erzählt habe. Nicht von dem was du mir
geschreiben hast (das war und bleibt Geheim). Ich habe von dir gesprochen, wie andere Kinder von Ihren Klassenkameraden. Wir sind uns begegnet. In
unseren Briefen. Du in dem Dorf mit den Straßen ohne Namen, in dem Haus 31 mit den vielen Zimmern.
Ich in meiner Kleinstadt. In der Doppelhaushälfte und einer Straße mit einem Namen. Wenn ich etwas gesehen oder erlebt hatte habe ich gesagt:" das muss ich A. schreiben", oder wenn ich Kummer hatte und etwas nicht verstehen konnte: "das frage ich meine Freundin A....". Manchmal habe ich gelacht während ich schrieb, und auch geweint.
Und wie die Mama abends auf dem Sofa mit einem Glas Wein in der Hand ihre Stimme senkte, als würde sie im nächsten Moment eine unverschämte Bemerkung machen und sich vorher schon schämen, da konnte ich auf die Frage: "Hast du eigentlich mal wieder was von A. gehört?", eine fröhliche Antwort geben: " Ich habe sie im Netzwerk. Das ist zwar nicht das gleiche, aber ich kann Bilder aus Ihrem Leben sehen, und sie scheint mir glücklich." Da hat die Mama sich gefreut.
Ich habe dich wieder in meine Gedanken integriert. Eigentlich habe ich nie aufgehört, mich innerlich an dich zu wenden. Ich schrieb noch Jahre lange Briefe in meinem Kopf an dich, die nie zu Papier kamen.
Ich habe dir einmal geschrieben, dass ich dich am Ende unseres Lebens treffen möchte. Das ist immer noch so.
Am Ende unseres Lebens... Da haben wir noch etwas Zeit!
Danke. Für alles.
Du könntest jederzeit bei mir vor der Tür stehen und bleiben.