Freitag, 28. November 2014

Gesprächsfetzen

Am Mittwoch habe ich meine Haare gefärbt. Am Donnerstag sitze ich bei den Eltern am Mittagstisch. Es gibt kein besseres Essen auf dieser Welt. 
"Was sind deine Haare schön", sagt Mama.
"Nä, ich find die zu dunkel", nörgelt Papa.
Ich schlucke einen Bissen Rotkohl mit Kartoffelbrei herunter und bringe es auf den Punkt: "Das kommt dir nur so vor, weil nun die weißen Haare auf meinem Kopf unsichtbar sind."

Donnerstag, 27. November 2014

Daumendrücken

Mama und ich stehen am Drucker. Sie sagt: "Und Ich drück dir dann fleißig die Daumen! Das haben die übrigens bewiesen!"
"Was haben die bewiesen?".  Ich bin neugierig.
"Na, das Daumendrücken hilft", strahlt Sie.
"Wie haben die das gemacht?"
"Studenten sollten einen Zauberwürfel, oder wie das Ding heißt, zusammensetzen. Sie wussten aber nicht worum es in dem Experiment ging. Das wurde mehrmals wiederholt. Die waren jedesmal schneller, wenn denen jemand die Daumen gedrückt hat! Und dann haben Sie die Teilnehmer hinterher gefragt, was sie denn dächten, um wieviel Sekunden Sie schneller gewesen wären. Das war aber enorm viel mehr als angenommen, ich erinnere die Zahlen nicht. Statt 3 Sekunden ungefähr 20, oder so. Aber ist das nicht toll? Ich meine, ich glaube ja ohnehin daran, aber jetzt haben wir Beweise!"

Ich frage mich, wie meine Eltern immer an diese interessanten Neuigkeiten gelangen, und welche Wege und Stationen diese Informationen bis dorthin genommen haben.

Aber warum brauchen "wir" Beweise?
Wozu?
Überzeugen Fakten den, der etwas leugnen will?

Montag, 24. November 2014

auf der Terasse

Wir sitzen bei geöffneter Wintergartentür am Tisch. Für die Adventsdeko liegen Zweige und Drähte und Tannenzapfen bereit. Wir haben kaum Platz für unsere Kaffeetassen und mein Blatt Papier. Er ist immer froh, wenn er mir helfen kann. "Ach, komm- eine qualmen wir noch!" 
Wir geben uns Feuer.
"Ich hab im Fernsehn gesehen, da war ein Orthopäde- auf drei Sat oder so, der hat gesagt, es gäbe neuerdings soviele Rückenschäden bei Heranwachsenden- kannst du dir denken wieso?" 
"zu wenig Bewegung?" 
"Händys! Tablets- diese Wischdinger! Hättest Du das gedacht?"
"Nein."
"Ich hab das gerade im Urlaub gesehen, die machen alle so." Er sinkt in seinen Stuhl und macht einen krummen Nacken. 
Ich lache. "Papa, du meinst Zombies" 
"Was?" "Na, Händyzombies, die nur noch nach unten gucken und nicht reden sondern wischen oder tippen. Es werden immer mehr!" 
"Die gucken alle nur noch nach unten, seit die klein waren! Und dann werden die krumm. Das ist aber echt so. Hat der Orthopäde gesagt." 
Wir qualmen. 
Nach einer Weile sage ich: "Jetzt weiß ich wie das ist. Die Technik retardiert uns." 
"Wie jetzt?"
"Wenn wir aufrecht gehen, dann sind Körper und Kopf in einer Linie. Wenn die auf ihr Händy oder ihr Tablet gucken, dann ist das wie bei Affen. Der Kopf sitzt nicht mehr zwischen den Schultern."
"Doch nich im Ernst."
"Bestimmt! Homo technikus ist in der Zukunft das, was der Affe in der Vergangenheit- irgendwie so ähnlich. Wenn man an Darwin glaubt. Ich meine, der Affe und der Technikus machen eine entgegengesetzte Bewegung. Der eine hin zum menschlichen, und der andere weg davon." 
"Das wird mir jetzt zuviel." 
"Ich habe Spaß gemacht. Ich werd jetzt auch mal losfahren."

Ich habe feige nicht dazu gesagt, dass nur ein kleiner Teil nicht ernst zu nehmen ist.

Samstag, 22. November 2014

Zivilcourage 2.0

Nach dem Frühstück war ich auf dem nach-Hause-Weg schnell noch ein Päckchen Tabak einkaufen. Ich kullerte mit dem Rad über den Bahnübergang, an dem Döner Laden vorbei, auf die nächste rote Ampel zu.
Moment mal. War das eben nicht der Kerl, der früher immer in der "Bagge" vorbei kam? Der, dem ich heimlich Wurst und Käse gab, anstatt es wegzuwerfen wie der Chef es verlangte? Ich drehe mich um. 
Tatsächlich. Jetzt hat er einen Rollator. Auf dem sitzt er. Und während ich noch denke "der sieht gar nicht gut aus", werde ich Zeuge wie er nach hinten umkippt und mit dem Kopf auf die harten Steine knallt. 

Plötzlich bin ich in einer Blase. Ich springe vom Fahrrad, bin windeseilig bei ihm. Seine Augen erkennen mich. Ich streichel seine Hand und rede irgendwas. Autotüren klappen. Zwei Männer wollen helfen. Er will aufstehen. Aber das geht nicht. Auf halbem Wege droht er wieder nach hinten umzufallen. 
Ich schiebe ihm mein angewinkeltes Bein in den Rücken. Einer der beiden hockt sich zu uns und hilft mit, ihm den Rücken zu stärken. Er lauscht mir beinahe andächtig wie ich mit Werner spreche, dabei seinen Arm streichel. Ein dritter Mann taucht auf, und fragt was passiert sei, und ob etwas Weh tut? 

Werner war schwindelig also wollte er sich am Rollator anlehnen.  Nur hinten war keine Lehne, das hat er vergessen. 
Die Männer verstehen nicht was er sagt. Ich übersetze. Er hat schon immer genuschelt. Aber jetzt ist es schlimmer als damals, weil er einen Schlaganfall hatte und "flimmern". Er meint Herzkammerflimmern.

Einer der Männer ist Hausarzt im Notdienst. Der, der später kam und nach Befindlichkeiten gefragt hat. Nun ruft er einen Krankenwagen.  Der, der eben noch mitgeholfen hat, damit Werner nicht ein 2tes Mal umfällt, ist aufgestanden und hat mein Rad aufgehoben. Er sagt, während der Dritte seinen Wagen von der Straße fährt: "Deine Fahrradlampe hat es nicht überlebt".  
Ich erinnere Werner an die Hängematten die er früher geknüpft hat und seine Miene hellt sich auf. Wir warten auf den Notarzt. Werner wird auf die Liege geholfen. Die Doktoren sagen zu mir "Danke". Unsere Versammlung löst sich auf. Hier trennen sich die Wege.

Ich wundere mich. 

Warum bin ich eigentlich mit dem Fahrrad, guten 10m Überbrückungsdistanz und einer 180° Wendung schneller bei ihm gewesen, als der Typ an der roten Ampel genau neben ihm auf der Straße? 
Bin ich so schnell gewesen wie ein Blitz? 
Hat die Zeit stillgestanden? 
Oder ist der Autofahrer erst in Bewegung geraten, als er mich gesehen hat? Als er sah, wie ich mein Fahrrad herumriss, während der Fahrt absprang, dem Rad einen Stoß nach rechts gab damit es auf den Bürgersteig landet und mit 3 Sätzen bei Werner war? 
Er sagte vorhin zum Doktor: "Ich habe gesehen, wie der Mann nach hinten umgefallen ist." Bloß, gemacht hat der garnix. Oder ist mir was entgangen?

Der 2te Helfer war Fußgänger und wie ich ohne Händie unterwegs, sonst hätte der angerufen. Der hat getan was er tun konnte. Aber auch er geriet erst in Bewegung als ich mich handeln sah. Er war bei dem Sturz nur wenige Schritte entfernt, -ein Teil des Panoramas auf das ich geschaut habe. 

Ich bin beschäftigt damit, das erlebte zu verarbeiten. 
Ich frage mich:
Hätte ich mich ebenso verhalten, wenn ich Werner noch nie zuvor begegnet wäre? 
Wofür haben sich der Notarzt und der Hausarzt im Notdienst bei mir bedankt?
Habe ich Zivilcourage weil ich getan habe, was Selbstverständlich ist? 
Ich glaube es nicht. Aber ich bin mir auch nicht ganz sicher, ob ich verstanden habe, was das Wort überhaubt meint.

Zu guterletzt die spannenste Frage: "Pflanzt sich ein Hilfsimpuls fort, vergleichbar mit der Impulsübertragung in der Physik?"

Dienstag, 18. November 2014

Kauderwelsch

Beim Häkeln schaue ich mir neuerdings gerne Serien an.  Manche finde ich gut, andere werden mir schnell langweilig. Manchmal lerne ich etwas dabei, so wie neulich.
Wir suchten uns "House of Cards" aus. Wir schauten die erste Folge an, und ich habe nicht verstanden worum es da geht.  Ich dachte, das klärt sich doch sicher im Verlauf. Also weiterschauen.
Bestimmt wars schon die 4te Folge, da sagte ich: "Mach mal Stop". Der Kerl fummelte an der Fernbedienung und brummte:" was ist denn, jetzt ist doch grad so spannend?"
"Häää? was ist spannend? Ich mein; ich hab immernoch keine Ahnung worum es da geht und was die da machen, und warum der eine da dauernd lügt, und was die Frau eigentlich beabsichtigt!" 
"Naja, der spielt die halt alle aus, bei der Frau weiß ich grad auch nicht genau." Er erklärt mir ein bißchen, warum und wieso, und ich staune. Da wäre ich nie drauf gekommen. 
Das ist, als hätten wir zur selben Zeit ein unterschiedliches Programm angesehen!
Er macht die Glotze wieder an, ich konzentriere mich, aber ich verstehe es immer noch nicht. Das ist ja lustig! So befremdlich.
Ich verstehe die Worte aber ich begreife die Zusammenhänge nicht. Wie komisch.

Der Kerl schläft ein. Hat er sich auch verdient. Ich schleich mich raus und geh was nähen.
Ratattattatockk.

Die Serie beschäftigt mich. Rattatock! Plötzlich erkenne ich, dass dies eine Lektion über mich selbst ist.
Ich verstehe die Intrige nicht. Dazu bin ich unfähig.
Ich kann so nicht denken. So wie andere Mathematik nicht verstehen, begreife ich das Intrigenspiel nicht. Es erscheint heutzutage viel wichtiger, für etwas gehalten zu werden, als etwas zu sein. 
Ich bin aber keine Schauspielerin, sondern ein echter Mensch. Ich spiele keine Rollen. Die Sache ist ernst.
Darum diese Konflikte die immer wieder über mich hereinbrechen wie plötzliche Gewitter. Ich kenne die Spielregeln nicht. Ich spreche eine andere Sprache. Mir fehlt das Kalkül. Ich folge keiner Taktik, ich plane meinen Eindruck nicht!
Ich lebe ganz einfach nach Werten. Alles, was ich möchte, ist ein guter Mensch zu sein. Und was ich tue, mache ich mit Hingabe.

Abends sage ich, dass ich das nicht mehr gucken will. "Da gehts ja nur um Intrigen." "Ja, das ist wie bei der Arbeit." 
Wir haben uns jetzt "Grimm" ausgesucht. Das ist wenigstens realistisch.