Samstag, 22. November 2014

Zivilcourage 2.0

Nach dem Frühstück war ich auf dem nach-Hause-Weg schnell noch ein Päckchen Tabak einkaufen. Ich kullerte mit dem Rad über den Bahnübergang, an dem Döner Laden vorbei, auf die nächste rote Ampel zu.
Moment mal. War das eben nicht der Kerl, der früher immer in der "Bagge" vorbei kam? Der, dem ich heimlich Wurst und Käse gab, anstatt es wegzuwerfen wie der Chef es verlangte? Ich drehe mich um. 
Tatsächlich. Jetzt hat er einen Rollator. Auf dem sitzt er. Und während ich noch denke "der sieht gar nicht gut aus", werde ich Zeuge wie er nach hinten umkippt und mit dem Kopf auf die harten Steine knallt. 

Plötzlich bin ich in einer Blase. Ich springe vom Fahrrad, bin windeseilig bei ihm. Seine Augen erkennen mich. Ich streichel seine Hand und rede irgendwas. Autotüren klappen. Zwei Männer wollen helfen. Er will aufstehen. Aber das geht nicht. Auf halbem Wege droht er wieder nach hinten umzufallen. 
Ich schiebe ihm mein angewinkeltes Bein in den Rücken. Einer der beiden hockt sich zu uns und hilft mit, ihm den Rücken zu stärken. Er lauscht mir beinahe andächtig wie ich mit Werner spreche, dabei seinen Arm streichel. Ein dritter Mann taucht auf, und fragt was passiert sei, und ob etwas Weh tut? 

Werner war schwindelig also wollte er sich am Rollator anlehnen.  Nur hinten war keine Lehne, das hat er vergessen. 
Die Männer verstehen nicht was er sagt. Ich übersetze. Er hat schon immer genuschelt. Aber jetzt ist es schlimmer als damals, weil er einen Schlaganfall hatte und "flimmern". Er meint Herzkammerflimmern.

Einer der Männer ist Hausarzt im Notdienst. Der, der später kam und nach Befindlichkeiten gefragt hat. Nun ruft er einen Krankenwagen.  Der, der eben noch mitgeholfen hat, damit Werner nicht ein 2tes Mal umfällt, ist aufgestanden und hat mein Rad aufgehoben. Er sagt, während der Dritte seinen Wagen von der Straße fährt: "Deine Fahrradlampe hat es nicht überlebt".  
Ich erinnere Werner an die Hängematten die er früher geknüpft hat und seine Miene hellt sich auf. Wir warten auf den Notarzt. Werner wird auf die Liege geholfen. Die Doktoren sagen zu mir "Danke". Unsere Versammlung löst sich auf. Hier trennen sich die Wege.

Ich wundere mich. 

Warum bin ich eigentlich mit dem Fahrrad, guten 10m Überbrückungsdistanz und einer 180° Wendung schneller bei ihm gewesen, als der Typ an der roten Ampel genau neben ihm auf der Straße? 
Bin ich so schnell gewesen wie ein Blitz? 
Hat die Zeit stillgestanden? 
Oder ist der Autofahrer erst in Bewegung geraten, als er mich gesehen hat? Als er sah, wie ich mein Fahrrad herumriss, während der Fahrt absprang, dem Rad einen Stoß nach rechts gab damit es auf den Bürgersteig landet und mit 3 Sätzen bei Werner war? 
Er sagte vorhin zum Doktor: "Ich habe gesehen, wie der Mann nach hinten umgefallen ist." Bloß, gemacht hat der garnix. Oder ist mir was entgangen?

Der 2te Helfer war Fußgänger und wie ich ohne Händie unterwegs, sonst hätte der angerufen. Der hat getan was er tun konnte. Aber auch er geriet erst in Bewegung als ich mich handeln sah. Er war bei dem Sturz nur wenige Schritte entfernt, -ein Teil des Panoramas auf das ich geschaut habe. 

Ich bin beschäftigt damit, das erlebte zu verarbeiten. 
Ich frage mich:
Hätte ich mich ebenso verhalten, wenn ich Werner noch nie zuvor begegnet wäre? 
Wofür haben sich der Notarzt und der Hausarzt im Notdienst bei mir bedankt?
Habe ich Zivilcourage weil ich getan habe, was Selbstverständlich ist? 
Ich glaube es nicht. Aber ich bin mir auch nicht ganz sicher, ob ich verstanden habe, was das Wort überhaubt meint.

Zu guterletzt die spannenste Frage: "Pflanzt sich ein Hilfsimpuls fort, vergleichbar mit der Impulsübertragung in der Physik?"

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