Freitag, 2. Mai 2014

Frau K.

Frau K wohnt im Erdgeschoß in derselben Mietkaserne wie ich. Sie stammt aus der Türkei und lebt mittlerweile alleine. Ihre Kinder kommen Sie oft besuchen. Das sehe ich, weil dann immer ganz viele unterschiedliche, große und kleinere, winzigkleine Schuhe vor Ihrer Wohnungstür stehen. Sie geht sehr gebeugt. Sie spricht nicht viel, eigentlich garnicht. Jedensfalls nicht mit Worten. Fast sieht sie aus wie eine Märchenhexe, mit Ihren langen Röcken und dem Kopftuch, dazu der krumme Rücken und ihr Gehstock ...

Heute komme ich nach Hause und sie steht unten im Flur neben den Briefkästen. Ich bekomme die Tür kaum auf.  Sie ist ist damit beschäftigt, ihren Einkaufstrolley auszuräumen und füllt ihre Einkäufe in eine andere Tasche. Einmal bücken - Milch nehmen, wieder bücken - Milch in die Tüte, nochmal bücken - ein Teil aus dem Trolley nehmen, wieder bücken,  ablegen und Alles nochmal von vorne.  Ich bleibe stehen. Ich nehme ein Fladenbrot und eine kleine Plasiktüte mit Gemüse - das nicht zerdrückt werden soll - und die schweren Kartoffeln, die vor mir auf dem Fußboden liegen und bringe es vor Ihre Haustür. Wie abgesprochen gehe ich Ihr nun zur Hand. Ganz Selbstverständlich, aus der Situation heraus ergibt sich das. So muss Sie sich wenigstens nur einmal bücken. Während ich die Tüte halte und Sie ein Teil nach dem anderen hineinlegt, sagt sie: "Rücken" und macht eine Leidensmiene. 

Ich trage die Tasche die paar Stufen bis vor Ihre Wohnungstür. Ich stelle sie nicht ab. Sie deutet auf den Boden, aber ich schüttel den Kopf: "Sie sollen sich nicht soviel bücken, Frau K".  Sie nickt und schließt mir die Tür auf, weist mir mit Ihrem Gehstock hinein. Ich kenne den Weg in die Küche, meine Wohnung ist identisch geschnitten. Ich nehme noch die Kartoffeln und husche (mit Schuhen!)  hinein, stelle die Sachen so ab, dass Sie im stehen ausgeräumt werden können. 
Ich will mich verabschieden als sie sagt: "Warte". Sie bewegt sich langsam an Ihrem Stock in die Küche und kramt in der Einkaufstasche. "Frau K. ich hab das wirklich gerne gemacht..." "Warte". 

Sie kommt zurück. Sie schwenkt ein Knoppers mit der Hand über ihren Kopf hin und her und lacht! "Lecker, ist Gut, nimm".

Wir strahlen beide über das ganze Gesicht, als ich das Knoppers nehme.

Es hat mir wunderbar geschmeckt!

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