Samstag, 16. Februar 2013

Die drei Handtaschen


Eine Handtasche ist schwarz, die anderen beiden sind braun. Schokobraun und Cognak, Ich dachte immer es hieße Conjak, so spricht man das ja. Aber Mama weiß wie man das schreibt. Sie hat gesagt, es ist wichtig hier im Blog Worte richtig zu schreiben. Recht hat sie. 

"Insa! Kannst Du mal bitte runterkommen"?  Mama hat gerufen. Beinahe wie früher. Ich stehe oben vor der Badezimmertür. Ich lasse mir grade Wasser einlaufen. Auch wie früher. Ich hüpfe, so wie ich es hier immer - schon immer - tue, die Treppe hinunter ins Erdgeschoß.  
Mama steht im Flur. Sie reicht mir drei alte Handtaschen"Hier, die habe ich aussortiert, die wollte ich dir geben, da kannst du mal gucken, ob sich das lohnt".  Vorgestern als ich hier ankam habe ich erzählt, dass ich hin und wieder gebrauchte Klamotten und Schnickschnack verkaufe. Ich bedanke mich überrascht und lächle.

Ich nehme die drei Taschen an ihren Henkeln. Die kann man bei Allen verstellen. Es sind Modelle, die sollen nicht baumeln, sondern "sitzen", an der Hüfte etwa. Ich mag das schokobraun der halbrunden und hänge sie an meine Schulter.Ich stelle mich im Flur vor den grossen Spiegel und befühle bewundernd das weiche, feine Leder. "Die ist schön, nur ziemlich klein", sagt Mama. Ich murmle: "Da passt mein Portemannaie nicht rein". "Ja, die kannst Du wirklich nur nehmen, wenn Du nichts anderes hat als ein paar Schlüssel, dein Notizbuch und  Tabak".  "Die behalte ich, so eine Tasche hat "meine Schwester" mir neulich auf  Ebay weggeschnappt!". Wir lachen wieder. 
Das war vielleicht ein Gelächter, als wir zusammen im Urlaub waren und ich plötzlich auf die Handtasche von meiner Schwester starrte und uns auffiel, dass wir beide darauf geboten haben.
"Ja, dann guck mal ob die beiden anderen noch zu verkaufen sind, sonst kannst du die ja wegschmeißen." Mama wendet sich ab und geht ins Wohnzimmer und zündet die Duftkerze an, die ich ihr zum Geburtstag geschenkt habe. "Fresh cut Roses" von Yankee Candle. Ich gehe hinauf und lege mich in die Badewanne. Die drei Handtaschen hänge ich vorher an den Handtuchhalter. 

Danach nehme ich die Treppen in mein altes Kinderzimmer und setze mich dort auf den Fussboden.  Die schwarze betrachte ich als erstes. Sie ist etwas kleiner als ein auf die Seite gelegtes DIN-A4 Blatt.  Ich befühle das Material mit meinen Fingern.
Als ich noch ein Mädchen war, hat das Muster aus kleinen Rauten aus Lacklederstreifen auf besonderen Anlässen edel geglänzt. Heute funkelt es nicht mehr. Der Lack ist ab. Ich klappe den Deckel um und schaue hinein. Ich rieche alten Schminkmuff. Es sind ein paar Krümel eines blauglitzernden Lidschatten drin. 80ger-Jahre Krümel. Nie im leben könnte ich sie weggeben. Das Bild genau dieser Tasche begleitet mich in vielen Erinnerungen. 
Ich bin nur unwesentlich jünger als Mama damals, auch wenn ich keine Kinder habe. Der Lack ist ab, das macht sie für mich wieder zeitgemäß. Die Mode modifiziert die 80ger, und meine Generation Ihre Werte. Sie passt ganz hervorragend zu meinen Bikerstiefeln und der schwarzen Lederjacke. Ich müsste schon geistig umnachtet sein, um diese Tasche voller lebendiger Erinnerungen wegzugeben.

Die cognakbraune ist aus ganz festem, edlem Leder, noch ein bisschen größer als die schwarze und ganz fest. Ein Reißverschluss in der Mitte und rechts und links je ein Seitenfach mit Magneten verschlossen. Mal was anderes. Diese kann man direkt öffnen ohne vorher was umzuschlagen. Auf der einen Seite steht "BREE". Ich tippe "BREE" und "Handtasche" bei google ein und staune. Das ist ne echte Marke. Puhh, da könnte ich locker 80€ für bekommen, oder sogar noch mehr...  Aber will ich das? So eine Tasche ist ein Status. Prestige. Ich brauche aber kein "prestige".
Schick ist die schon. Nur eben nichts für jeden Tag. Nachdenklich gehe ich damit hinunter, ins Wohnzimmmer. Ich setze mich auf die Couch. Papa kommt aus dem Garten und setzt sich dazu. Sein Blick fällt auf die Handtasche. "Willst du noch weg?" "Nö, ich hab hier nur diese Tasche von Mama die sie nicht mehr will. Sie meinte ich kann sie verkaufen." Ich öffne sie und  stelle mir vor was ich da hineintun könnte, wenn ich sie behalten würde, da sagt Papa: "Die hab ich ihr mal geschenkt". 

In diesem Moment ist die Angelegenheit ganz klar. Ich verkaufe gar keine Handtasche.

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