Samstag, 9. Juni 2012

Schreiben 2

Jetzt bekommt die Sache mit dem Schreiben einen Sinn, weil mein Gegenüber keine Fiktion mehr ist. Du sitzt ja da und liest, und du nimmst Teil an allem was ich tue. Einzig und Allein durch die Kraft deiner Aufmerksamkeit. Was passiert ist folgendes - erst werde ich ein Gefäß, in das sich der Inhalt ergießen kann. Dann kleide ich den Inhalt in Worte, bilde Sätze. Ich spreche aus, durch Schrift und Sprache, was mich bewegt und was mein Verstand davon versteht. Was ich mit dem Wesen oder dem Herzen erkenne, dasjenige benenne ich mit dem für mich richtigem Namen. Durch mich wird der Inhalt das erste Mal transformiert. Er wird gefärbt durch mich und mein Empfinden, durch die Auswahl der Worte. Und jetzt bist du das Gefäß, während du liest, in dir verwandelt sich der Inhalt erneut, du ergänzt und erklärst was ich nicht  begreife.
So bleibt der Inhalt lebendig, denn er kann sich verwandeln und schwingen und neue Erkenntnisse bringen. Dadurch das du meine Zeilen liest, ich meine an dieser Stelle meine Gedichte, gibst du Ihnen einen neuen Sinn. Daran zu glauben und sie gelesen zu wissen, erleichtert mir sie zu erfinden. Durch dich kann ich Inhalte ins Bild bringen, die ich sonst nicht beschrieben hätte. Ich weiß nicht genau warum das so ist. Wir führen unser stummes Gespräch mit einer zeitlichen Verzögerung - und trotzdem fühle ich das Thema durch die Worte fließen auf eine andere Art und Weise als Vorher. Vorher, das war egoistisch und eigennützig, denn ich schrieb etwas auf, um es danach in den Schrank oder in eine Schublade zu legen. Aber Jetzt ist Hier, und Heute ist alles ganz anders.
Ich träume wieder der alten Traum aus Kindertagen und ich tanze mit den Bildern der Welt und den Wörtern meinen Reigen. Was daraus wächst wird sich zeigen. Ich gestatte mir leise, bisweilen verwegen, vorzustellen keine Zeit mehr mit Gelderwerb zu verschwenden. Dabei, und nur wenn es um den Gelderwerb mittels des Schreibens geht, bin ich wie jeder Musiker abhängig vom Urteil der Masse. Das Ziel ist die Gruppe, habe ich neulich aus diesen Kreisen vernommen. Aber so leicht ist es nicht. Jedenfalls nicht für mich als Schreibende, und aus der Perspektive die ich jetzt gerade einnehme. Ich dachte bisher, es wäre bei Musik ganz ähnlich, weil die ja auch von Einzelpersonen gehört wird. Aber vielleicht habe ich es nicht verstanden. Ich bin keine Musikerin, ich schreibe. Und Schrift wird öfter gelesen als gehört. Bei Musik ist das doch andersherum oder laufe ich damit in die Irre? 
Da ich mit dem Herzen schreibe ist es mir völlig ausreichend zu wissen, das das Ziel erreicht  wird. Damit der Vorgang fruchtbar wird an dem man selbst hingegeben ist, braucht man keinen Lohn, die Tätigkeit ist der Lohn. Man muss sich nur einmal klarmachen woraus das tun besteht. Und ich unterstelle, dass diese Ganzheitlichkeit jeder Kunst zugrunde liegt. Es ist ein Gespräch das der Schaffende führt. Will man seinen inneren Ruf zum Beruf machen, also wenn ich meinen Fokus aber über den Transport von Inhalten hinaus auf den Gelderwerb richte, dann wird es wichtig zu schauen, auf welchem Transportkanal man möglichst viele Menschen erreicht. Aus der Mengenlehre weiß ich: je größer die Anzahl der sich überschneidenden Kreise, desto kleiner die Schnittmenge. Das bedeutet, dass man die Inhalte nicht mehr so individuell auswählen kann, wenn man genau in diese kleine Menge transportiert. Man muss damit beginnen, Inhalte empfängergerecht zu gestalten.
Da kommt es mir wesentlich einfacher und zielführender vor, nur eine Teilmenge der Gesamtmasse zu erreichen. Da kann ich bleiben wie ich bin. Und meine Texte sind authentisch.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen